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Der steinige Weg zurück ins Leben | Lebensgeschichten aus der Ev. Stadtmission

Die Menschen, denen wir versuchen zu helfen, sind keine graue Masse. Sie haben Schicksale, Nöte und Hoffnungen, dass es doch noch einmal besser werden könnte für sie.

Pfarrerin Susanne Sydow hat sich mit Astrid (Name geändert) unterhalten, die in der Stadtmission angekommen ist. Um zu bleiben? Vielleicht ergibt sich für Astrid noch ein anderer Weg. Doch bis es soweit ist, sind wir für sie da.

Mir gegenüber sitzt Astrid, eine schlanke Frau mit blonden Haaren, einer Brille mit Goldrand, in einem hellgrünen Strickkleid. Wir haben uns bereits zweimal gesehen und sie hat sich bereit erklärt, mir von ihrem  Leben zu erzählen.

In den Einrichtungen der Stadtmission stehen wir Menschen bei, die es im Leben schwer hatten, schwer haben und es sich manchmal auch selbst schwer gemacht haben. Jede Lebensgeschichte ist eine individuelle, jeder Start ins Leben ist anders, manchmal nicht gut, manchem bleibt eine Last aus der Kindheit und es kommen noch viele andere Bürden hinzu. Im Rückblick kann man manche falsche Entscheidung erkennen, aber das gelingt auch nicht immer.

Aber hören wir doch Astrid zu, was sie uns zu erzählen hat. Geboren Anfang der 60er Jahre im letzten Jahrhundert, wuchs sie mit ihrer Zwillingsschwester und dem Bruder in Erfurt auf. Sie kam in der Kinderklinik als totales Frühchen auf die Welt, viele Wochen im Brutkasten folgten, was blieb war eine körperliche Einschränkung für das ganze Leben.

Zuhause war es auch nicht ganz einfach, die Mutter finanziell vom Vater abhängig, bevorzugte den Bruder, was dem wiederum charakterlich nicht gut bekommen ist. Die Zwillingsmädchen wurden oft sich selbst überlassen.

Es gibt schöne Erinnerungen an den Kindergarten, an den Spielplatz in der Nähe des Espachbades.

Schule war gut und zwar in der Zeit, als sie in der körperbehinderten Schule in Erfurt bis zu ihrem Schulabschluss lernen durfte, die kleinen Klassen, die freundlichen Lehrer, es war eine behütete Zeit. Die Erdbeertorte, die es gab, wenn der Zeugnistag herangerückt war, eine gute Zeit.

Danach, im Leben, wurde es viel schwieriger für sie, Astrid erlangte den Facharbeiterabschluss für Schreibtechnik, auf den verschiedenen Arbeitsplätzen gab es Mobbing, Zurücksetzung, schlechte Bezahlung. Sie hätte gern einen anderen Beruf gelernt, Drogistin oder Kosmetikerin, das wäre schön gewesen.

Die Erfahrung, übersehen zu werden, als arbeitslose Frau, als arme Frau, als hilfsbedürftig, diese Erfahrungen hat sie gemacht, auch, dass Familie sich abwenden kann, wenn man selbst zu anstrengend wird. Die Frage nach einem freundlichen Gott, wo ist er, was lässt er alles zu, ist eine unterschwellige Frage, die nicht zufriedenstellend zu beantworten ist, aber nicht desto trotz im Raum steht.

Nach der Wende gab es eine schöne ABM Maßnahme für sie, Astrid arbeitete in einem Jugendförderkreis für benachteiligte Kinder und Jugendliche, das war eine Arbeit, die für sie sinnstiftend und erfüllend war, voller Freude.

Astrid stand in ihrem Leben vor vielen Türen, die für sie verschlossen blieben, sie hat Ablehnung erfahren, sie hatte zeitweise kein Geld, bewarb sich erfolglos, sie wurde betrogen, bestohlen und ausgenutzt, spät erst wurde die Erwerbsminderungsrente gewährt. Und trotz dieser vielen persönlichen Schwierigkeiten pflegte sie eine ganze Weile die an Demenz erkrankte Mutter.

Seit 8 Jahren ist Astrid obdachlos, am Anfang war die Notschlafstelle „Knackpunkt“ in der Heinrichstrasse in Erfurt ein solider und zuverlässiger Anlaufpunkt.

Mit Männern hat sie schlechte Erfahrungen gemacht, Janos war so einer, hat sie ausgenutzt, ihr Geld ausgegeben. Mit ihm war sie unterwegs in vielen Städten Deutschlands: Würzburg, Berlin, Köln.

Die Bahnhofsmissionen boten zuverlässige Hilfe.  Auch der Weiße Ring bot zeitweise Hilfe.

Sie schaffte es, sich von Janosch zu trennen und endlich eigene Wege zu gehen.

Die Caritas in Neuwiedt schließlich vermittelte sie zurück nach Erfurt und jetzt wohnt sie seit dreieinhalb Jahren in einer Unterkunft der Stadtmission Erfurt.

Einerseits ist das Leben jetzt einfacher geworden, jedoch bietet ein Zweibettzimmer wenig Rückzugsmöglichkeiten, ein Internetzugriff ist auch nicht selbstverständlich und sie muss überlegen, wohin es mit ihrem Leben noch gehen kann.

Freundliche und zugewandte Mitarbeiterinnen der Stadtmission vor Ort werden Astrid unterstützen.

Natürlich wäre es toll, wenn es noch einmal mit einer eigenen Wohnung klappen würde, es wäre ein steiniger Weg zurück ins Leben, aber es wäre ein Weg.